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29.05.2020, 01:00 Uhr
Braune Esoterik

Die Esoterikszene, wie sie die meisten von uns erleben, ist eine bunte Bewegung alternativer Religiosität und Spiritualität. Ihre Themen gehen von Heilsteinen, Engeln oder alternativer Medizin über Lebenshilfe bis zu Freizeit- und Wellnessangeboten. Die Szene ist inzwischen Teil der Alltagskultur, stark kommerziell geprägt und verzeichnet einen milliardenschweren Umsatz. Innerhalb dieser Szene finden wir seit den 1990er Jahren einen politisch rechten, teilweise rechtsextremen, oder auch völkischen Flügel. Dafür hat sich die Formulierung „Braune Esoterik“ oder „Rechte Esoterik“ eingebürgert.  

Wie immer bei solchen Szenen gibt es keine zwingenden Gemeinsamkeiten, wohl aber ideologische Überschneidungen. Dazu gehört z.B. eine Nähe zu Verschwörungstheorien. So wird unterstellt, dass es eine mehr oder weniger geheime Gruppe von Menschen gäbe, die die Geschicke der Welt, der Medien, der öffentlichen Meinung usw. lenken würde. Je nachdem, welches Feindbild man pflegt, ist in diesem Zusammenhang von Freimaurern, Illuminaten, Juden, den Rothschilds, den Kirchen, von Außerirdischen, der Pharma-Industrie, von Mainstream-Medien, Lügenpresse, Altparteien usw. die Rede.  

Gemeinsam ist allen Vorstellungen, dass sie einem tiefen Misstrauen gegenüber Wissenschaft, Politik, Medien und institutionellen Formen von Religion bzw. Kirche entspringen. In der Szene würde man sagen: Es ist doch klar, dass uns die Wahrheit vorenthalten wird.

 

Charakteristisch für den braunen Randbereich moderner Esoterik ist die netzwerkförmige Verknüpfung mit anderen extremen Milieus, die sehr genau beschreiben, wie wir (angeblich!) im Alltag manipuliert werden. Eine der bekanntesten Theorien besagt, dass die von Flugzeugen am Himmel hinterlassenen Kondensstreifen nicht etwa Abgase sind, sondern aus Chemikalien bestehen, mit denen das Wetter oder unsere Gesundheit manipuliert werden (sog. Chemtrails).  

Ähnlich wird im Blick auf eine vermeintliche Willensbeeinflussung mithilfe elektromagnetischer Wellen argumentiert. Als Ursache hat man in der Szene das sog. HAARP-Projekt eines US-Geheimdienstes in Alaska ausgemacht. (Die Abkürzung steht für High Frequency Active Auroal Research Program.) Und natürlich spielt aktuell der Coronavirus aus China in der Szene eine Rolle. Es glaubt doch keiner, dass der Virus von einem Fleischmarkt aus Wuhan stammt! Hat nicht Bill Gates ein Patent auf den Coronavirus? Bei Facebook schreibt jemand, und die Meldung wird tausendfach geteilt: „Der Corona Virus ist im Labor gezüchtet worden: von der selbsternannten Elite.“ Weitere aktuelle Beispiele lassen sich leicht beschreiben.

 Im Kontext rechter Esoterik finden wir auch viele antisemitische Vorstellungen. Dazu gehört z.B. die Idee, dass die Weltgeschichte „karmisch“ vorherbestimmt sei und der Holocaust aufgrund einer „höheren Gerechtigkeit“ notwendig gewesen sein soll. Der traurige Tiefpunkt solcher Vorstellungen besteht darin, dass gesagt wird: Die Juden haben den Holocaust selbst organisiert, um uns Deutsche zu diskreditieren.

 

Wie erwähnt, sind die Vorstellungen der Braunen Esoterik vielfältig. Sie werden über Bücher, Zeitschriften aber vor Allem über das Internet verbreitet. Zu nennen sind die einschlägigen Plattformen: „www.bewusst.tv“, „www.quer-denken.tv“, „www.jeet.tv“, „www.klagemauer.tv“. Besonders aktiv ist „www.anti-zensur.info“, eine laut Selbstbeschreibung „Internetplattform für unzensierte Information“. Aussteiger aus diesen Szenen beschreiben, dass es in Wahrheit nie um Aufklärung über (tatsächliche oder vermeintliche) Missstände geht, sondern allein darum, Glauben für die eigene Ideologie zu wecken.  

Einflussreiche Verlage sind der Kopp Verlag (Rottenburg), der Argo Verlag (Bayern) sowie die Zeitschrift „Magazin2000plus“. 

Pfr. Dr. Andreas Fincke, Erfurt 

Quelle: EKMintern März 2020

Dieser Artikel ist im EAK-Rundbrief zu Pfingsten 2020 erschienen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Handbuch Weltanschauungen, Religiöse Gemeinschaften, Freikirchen. Herausgegeben im Auftrag der Kirchenleitung der VELKD, Gütersloh 2015, Sonderauflage 2016

Coverbild © Gütersloher Verlagshaus